Juli 2022

Bild
Tobias Göckeritz
Tobias Göckeritz

Liebe Mitglieder,

wie bereits vor zwei Monaten angedacht, ziehen wir jetzt in unserem Schweinestall die Reißleine! Unsere Sauenherde und unser Maststall werden bis auf eine genetische Kernherde abgestockt. Unsere niedertragenden Sauen und die Jungsauen sind geschlachtet und nach jedem Absetzen bleiben nur unsere besten Sauen auf dem Hof. Den Mitarbeiter mussten wir kündigen. Meine Familie geht in Deckung und wir versuchen die Eigenkapitalverluste, die ich für die kommenden zwölf Monate im Schweinestall erwarte, zu minimieren. Das abgelaufene Wirtschaftsjahr hat sowohl im Sauenstall als auch im Maststall Eintritt gekostet. Das haben wir in unserer Familie so noch nicht erlebt. Einzig die Corona-Beihilfen, die noch nicht sicher sind und teilweise auch noch nicht ausgezahlt wurden, könnten noch eine schwarze Null ermöglichen. Aber für ungelegte Eier gackere ich nicht. Für unsere Schweine ist es also nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf gewesen.

Auf dem Bauerntag in Lübeck hat sich der Verband schwerpunktmäßig mit dem neuen „Narrativkonzept“ des „Zukunftsbauern“ beschäftigt. Ich frage mich allen Ernstes, welchen Nutzen unsere Bauernfamilien davon haben, wenn sie versuchen es einer Gesellschaft recht zu machen, die in einem Atemzug die Halbierung der Tierhaltung und den Ausbau der Wirtschaftsdüngung, die Abschaltung von Atom- und Kohlestrom und den Umbau auf Elektromobilität, die Senkung der Inflation und weitere Schuldenpolitik fordert.

Wenn Schweinehalter wie meine Tochter und ich, die immer zu den erfolgreicheren Betrieben gehört haben, mit 34,5 abgesetzten Ferkeln, 930 Gramm Tageszunahme, Futterverwertung 1:2,7 und 62 Prozent Magerfleischanteil nach FOM negative Deckungsbeiträge produzieren, dann dürfte es dem Durchschnitt nicht bessergehen. Ich habe überlegt, was ich für meine Kollegen noch tun kann, die vor lauter Arbeit nicht die Zeit haben, ihre Zahlen immer zeitnah zu analysieren. So habe ich das „Schweine-Radar“ entwickelt, das wöchentlich das quantifizierte Ergebnis der deutschen Schweineproduktion ermittelt und jedem, der es wissen möchte, die Dimensionen auf den Betrieben verdeutlicht. Weiterhin werde ich in den kommenden Ausgaben unserer Zeitung und online die wesentlichen ökonomischen Begriffe erläutern, die nützlich sind, wenn man eine Zukunft als Landwirt haben möchte.