Januar 2026
Liebe Mitglieder,
in den letzten Wochen kommt man um das Thema Mercosur nicht mehr herum. Europaweit protestieren Landwirte und Verbände gegen das geplante Freihandelsabkommen. In diesem Tauschgeschäft wird politisch bewusst abgewogen, was Europa hergeben kann und dafür aus Südamerika bekommt.
In einem Kommentar von Birgit Marschall in der Rheinischen Post, wird klar benannt, was Landwirte schon lange wissen: Das Abkommen ist für die Exportnation Deutschland ein Segen und der Kollateralschaden für die heimische Agrarwirtschaft – die ohnehin nur zwei Prozent zur Wertschöpfung beiträgt – ist in der Gesamtbetrachtung vertretbar.
Vergessen wird dabei, wie so oft, der vor- und nachgelagerte Bereich, der diesen Wert um ein Vielfaches steigert. Auch dessen Bedeutung für struktur-schwächeren Gebieten ist nicht zu vernachlässigen.
Was mir nicht in den Kopf will, ist: ein und dieselbe Institution in Brüssel, misstraut uns Landwirten fast schon paranoid, besitzt aber offenbar auf der anderen Seite ein Urvertrauen gegenüber Lebensmitteln aus nicht-europäischen Ländern!
Um politisch dennoch bei den Landwirten zu punkten, wird – ganz EU-typisch – mit vielen Vorgaben und Obergrenzen gearbeitet (Stichwort: Bürokratieabbau).
So sollen bei fünf Prozent Preisverfall oder Importanstieg Maßnahmen eingeleitet werden, um den Markt zu schützen. Falls das nicht ausreicht und es zu Marktproblemen kommen sollte, sollen Milliarden an EU-Mitteln für Krisenhilfen und Marktstützungsprogrammen eingesetzt werden (Stichwort: Planwirtschaft).
Ebenfalls soll sichergestellt werden, dass die gleichen Regeln und dieselben Standards für alle Importe eingehalten werden. Spätestens an diesem Punkt konnte und wollte ich nicht mehr weiterlesen. ‚Das glaubt ihr doch alles selbst nicht‘, war mein erster Gedanke!
Alles, was aktuell mit Geldgeschenken zu tun hat, ist – vorsichtig formuliert – mit Skepsis zu sehen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen: Selbst, wenn das Geld vorhanden sein sollte, wird es entweder an viele Bedingungen gebunden, sodass es für 95 Prozent der Betriebe nicht beantragt werden kann, oder es wird später durch rückwirkende Änderung der Bedingungen wieder zurückgefordert (Stichwort: Corona-Hilfen).
Mir fiel dann noch der Skandal mit CO2-Zertifikaten mit geförderten Projekten in China ein. Da wurde ebenfalls alles kontrolliert.
Die von allen gefürchteten „Pestizide“ – dazu zählt der Lesart nach auch Glyphosat – sind in Zulassung, Anwendung und Umweltschutz in Südamerika ganz sicher weit über unseren Bestimmungen. Auch Tierschutz, Tierwohl, Hygiene, Antibiotika, Hormone, Rückstände, Gentechnik, Baugenehmigungen, Nachhaltigkeit und Artenschutz sind garantiert zentrale Debatten dort.
Wo bleiben da eigentlich die angeblichen Gegner einer solchen Landwirtschaft? Uns werden der Anbau von Monokulturen und ausgeräumte Agrarlandschaften vorgeworfen. Wer möchte, darf gerne mal den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso besuchen. Dort gibt es bis zum Horizont nur eine einzige Kultur...
Ob in Brasilien Energie und Mineraldünger mit einer CO2-Steuer belegt sind, damit irgendwelche Klimaziele erreicht werden...?
Wie sagte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sinngemäß: „Du produzierst, also verschmutzt du, also zahlst du!“
Doch selbst, wenn es irgendwie gelingen sollte, alles auf europäischen Standard zu bringen, was nicht realistisch scheint, bleibt das Problem, dass sich insbesondere unsere deutsche Landwirtschaft über Jahre hinweg immer weiter von den reinen EU-Vorgaben entfernt hat. Immer wieder wurde noch etwas aufgesattelt, immer wieder wurde noch mehr geregelt. Jetzt wird es um ein Vielfaches schwerer, überhaupt noch kostendeckend zu wirtschaften.
Die deutschen EU-Abgeordneten, die dieses Mercosur-Abkommen mit den genannten Regelungen schönreden, vergessen das leicht.
In einem One-Pager (also auf einem Blatt Papier) zum Mercosur-Abkommen freut sich die CDU über „mehr Auswahl für Verbraucher durch günstigere Produkte aus Südamerika.“
Die SPD versteht die Sorgen der Landwirtinnen und Landwirte und argumentiert mit den von mir oben beschriebenen Argumenten.
Ich empfehle den Parteien bei den nächsten Schneeverwehungen gerne die warmen Worte der Politik für unsere heimische Landwirtschaft. Wenn deren heiße Luft nicht gegen die großen Schneemengen auf den Straßen helfen sollte, darf gerne in Südamerika anstatt bei uns angerufen werden (Stichwort: Winterdienst).
Aber wahrscheinlich gibt es dafür auch schon ein EU-Schneehöhen-Stützungsprogramm!
Seinerzeit war es auch die EU, die die Landwirtschaft aufforderte, zu Weltmarktpreisen zu produzieren. Da wir das nicht können, gab es einen Ausgleich. So weit, so gut.
Diese Subventionen wurden dann aber über Jahre hinweg an immer mehr Bedingungen geknüpft. Offenabr passte es der EU eben doch nicht so recht, dass man zu Weltmarktpreisen produzieren muss!
Vereinfacht gesagt: Wir müssen für immer weniger Geld, immer mehr Bedingungen erfüllen. Dieses Rad dreht sich in jeder Förderperiode immer ein wenig weiter gegen unsere heimische Landwirtschaft. "Ihr bekommt doch Subventionen, was wollt ihr denn noch?“ lautet ein pauschaler Vorwurf gegen unseren Berufsstand. Was wir wirklich wollen? Ganz ehrlich gesagt: „Unsere Ruhe!“
Wer Landwirtschaft kennt, der weiß um die vielen Details in der täglichen Arbeit. Sie wird vielleicht teilweise durch Künstliche Intelligenz oder Roboter ergänzt, aber ganz sicher niemals durch EU-Gesetze!
Aufgrund dieser angeführten Argumente, kann man diesem Abkommen weder als Landwirt, noch als Verbraucher, auch nur irgendetwas abgewinnen!
Christoph Klomburg, Vorsitzender