„Sauenhaltung ist in Deutschland nicht mehr erwünscht“

„Sauenhaltung ist in Deutschland nicht mehr erwünscht“

von Regine Suling
Anneke Kreißig im Sauenstall.
Drakenburg (ine).

Ab 1. Januar 2019 dürfen männliche Ferkel in Deutschland nur noch unter Betäubung kastriert werden. Das sieht eine Änderung des Tierschutzgesetzes vor, das der Bundestag bereits vor fünf Jahren beschlossen hatte und das am Freitag nochmals vom Bundesrat bestätigt wurde. Wie aber sollen die männlichen Ferkel betäubt werden? Diese Frage ist nach wie vor offen.
 „Wir hatten gehofft, dass eine Lokalanästhesie durch den Landwirt möglich ist“, erläutert Anneke Kreißig, die zusammen mit ihrem Vater einen 300 Sauen starken Betrieb in Drakenburg führt. Aber: „Das Mittel ist in Deutschland nicht zugelassen.“ In Dänemark und Schweden  können die Landwirte dieses Verfahren bereits nutzen und auch selbst anwenden, ohne Begleitung eines Tierarztes.  Die Alternative: „Der Tierarzt kommt zu uns und legt die Ferkel schlafen. Dann wäre der Zeitaufwand aber mehr als doppelt so hoch wie jetzt“, zeigt Anneke Kreißig auf, dass das kein gangbarer Weg für den Familien-Betrieb ist. Denn auch die Kosten für diese Maßnahme seien erheblich: „Die exakten Kosten stehen noch nicht fest. Aber sie werden hoch sein.  Und dieses Geld bezahlt uns der Mäster nicht. Die Mehrkosten würden den Reingewinn pro Ferkel auffressen.“ Damit unterstreicht Anneke Kreißig, dass es sich für viele Betriebe dann überhaupt nicht mehr lohne, die Ferkelerzeugung aufrecht zu halten. „Finanziell geht das für einige an die Existenz“, weiß sie. In ihrem Umfeld würden 15 Prozent der Sauenhalter aufgeben. Die betäubungslose Kastration sei dafür zwar nicht der einzige Grund. „Aber bei vielen ist das der Auslöser“, sagte Anneke Kreißig, die außerdem als Spezialberaterin Schwein bei der Unternehmensberatung für Rindvieh- und Schweinehalter Hunte-Weser tätig ist. Kreißigs bringen aktuell bereits zwei Drittel ihrer männlichen Ferkel in der Ebermast unter. „Allerdings hört unser Mäster auf, da suchen wir noch nach einer Alternative.“ Denn für Schweinemäster sei es ansonsten viel attraktiver, Ferkel aus Dänemark oder Holland zu kaufen, die kastriert worden sind. „Und die dürfen auch unter dem QS-Siegel nach Deutschland importiert werden.“ Sprich: Der Kunde an der Fleischtheke kauft vermeintlich deutsches Fleisch, das seinen Ursprung jedoch im Ausland hat. Anneke Kreißigs Wunsch: „Wir würden gerne den Weg der Lokalbetäubung wählen, das ist vertretbar.“ Tobias Göckeritz, Vorsitzender des Landvolk Mittelweser und selbst Sauenhalter und Schweinemäster, begleitet die Diskussion ebenfalls kritisch und sieht nur zwei, aber nicht praktikable Möglichkeiten: „Eine Ebermast für etwa vier Millionen Eber der vorhandenen 28 Millionen männlichen Ferkel, denn mehr Eber kauft der Markt nicht auf. Eine Vollnarkose durch den Tierarzt mittels Injektion. Aber eine ausreichende Anzahl von Tierärzten, die 24 Millionen Ferkel betäuben können, ist in Deutschland gar nicht vorhanden.“ Er ist sich sicher: „Es besteht keine Chance, dass bis Ende des Jahres eine praxistaugliche Lösung in Deutschland gefunden wird. Die betroffenen Landwirte haben keine Chance, auf eine Lösung Einfluss zu nehmen.“ Die  Politik hat die von ihr verursachte schwierige Gemengelage mittlerweile erkannt: In den Bundesrat brachte die Niedersächsische Landesregierung am 21. September einen neuen Antrag zur Ferkelkastration ein. Darin schlägt sie vor, die Übergangsbestimmung bei der Ferkelkastration bis zum 31. Dezember 2020 zu verlängern. Damit wäre bis dahin etwas Zeit gewonnen, die nötig ist, um eine für alle Seiten gangbare Lösung zu finden. Ein Unterfangen, das misslang:  Der Bundesrat lehnte die Fristverlängerung, hinter die sich auch das Bundeslandwirtschaftsministerium gestellt hatte,  in seiner Sitzung mehrheitlich ab. Das sorgt für Frustration: „Man hat das Gefühl, keiner fühlt sich so richtig zuständig“, sagt Anneke Kreißig. Und sie fügt an: „Das ist ja fast schon eine Ansage, dass die Sauenhaltung in Deutschland nicht mehr erwünscht ist.“